[ungeschminkt]


Alles beginnt an dem Tag, an dem du ein altes Foto siehst ...


Es gibt diesen EINEN Tag, an dem du ins Grübeln kommst.
Dich fragst, ob es das wohl gewesen ist.
Ob du all das getan hast, was du dir gewünscht hast.

Du betrachtest das Foto und denkst darüber nach, wie alt es wohl ist. Gern hättest du, dass es noch nicht so lange her ist, weil die Frau auf dem Foto Ausstrahlung hat und recht attraktiv ist. Dann denkst du gründlicher darüber nach und stellst fest: es ist bestimmt schon 7 Jahre alt! 7 Jahre sind seitdem vergangen. Im Moment möchtest du nicht in den Spiegel gucken, weil du dich davor fürchtest, was du siehst.

Du vergisst diesen einen Moment des Schreckens. Lenkst dich ab, machst etwas anderes, damit du nicht darüber nachdenken musst.

Dann hörst du ein Lied. Dieses Lied. Dieses eine Lied. Ein Gefühl fährt dir durch die Glieder, es wird heiß in der Magengegend. Mein Gott, wie lange ist das her? Das war die Jugend! Da warst du jung! Jung und unbeschwert! Warst du wirklich unbeschwert oder vernebelt die Vergangenheit dein Selbstbild?

Du wirst traurig. Denkst über dein Leben nach, grübelst! Stellst dir die Fragen, die sich alle Menschen stellen: War und ist mein Leben gut? Habe ich alles richtig gemacht? Was habe ich verpasst, welche Chancen nicht genutzt? Was wäre aus mir geworden, wäre ich einen anderen Weg gegangen? Die Fragen im Kopf verwirren dich. Du brauchst eine Pause. Eine Pause von den Gedanken und von dir selbst, deinem Empfinden.

Lenk dich einfach ab!

Das funktioniert nicht, du kannst dich nicht ablenken. Denn Gedanken sind nicht kontrollierbar. Sie sind einfach da. Lassen dich nicht in Ruhe und verfolgen dich in deinen Träumen, wenn du dich ihnen nicht stellst! 

Du siehst dein junges Ich. Auf Bildern:


Auf dem ersten Bild warst du mit deiner Familie auf Mallorca. Hast ein Auto gemietet und die Insel erkundet. Auf einem Parkplatz hast du dein Baby gefüttert. Es war warm, es war schön. Du warst glücklich. Warst du das wirklich? 5 Jahre später wurde deine Ehe geschieden.
Auf dem Foto darunter warst du auf Hochzeitsreise in Irland und hast mitten auf einem Berg in Connemara die Eheringe getauscht. Hinten auf der Wiese war ein Wildpferd. So schön, so idyllisch. Dein Mann ist bei dir, alles ist gut.
Auf dem Foto mit dem Mikrophon hast du deinen Lebensberuf gefunden. Du bist kreativ, kulturell interessiert und darfst deine Begeisterung allen Radiohörern mitteilen. 4 Jahre später kannst du Kultur nicht mehr ertragen. Kein Konzert, kein Theaterbesuch ... gar nichts mehr. Du bist ausgelutscht.
Auf dem Foto darunter bist du über 50 Jahre alt! Die Spuren eines halben Jahrhunderts sind sichtbar, aber du bist positiv. Es werden über 100 Fotos von dir geschossen, aber nur ganz wenige kommen als Profilbild für den Blog in Frage; auf allen anderen siehst du Scheisse aus!

Jetzt gibt es nur noch Fotos ohne Kopf oder von hinten. So kannst du, da du noch nie gern vor der Linse gestanden hast, dich noch akzeptieren.


Ohne Kopf und verfälscht. Das ist also aus dir geworden in den letzten 54 Jahren! Du bist ja eigentlich noch jung, im Kopf und in deinen Gedanken. Aber du bist auch mitten in den Wechseljahren, die Vorhölle zum alt werden! Ganz selbstbewusst hast du dich dafür entschieden, keine Medikamente gegen die Wehwehchen zu nehmen, du willst es einfach ignorieren ... diesem Zustand nicht so viel Bedeutung beimessen. Es ist ja natürlich! Du sprichst auch nicht darüber, weil es gesellschaftlich geachtet ist, über das Klimakterium zu reden. Außerdem willst du ja auch nicht, dass dich alle für alt halten. So ist das!

Ignoranz klappt nur bedingt, denn du siehst dich ja jeden Tag im Spiegel. Berührst deine Haut an den Wangen, kneifst hinein und stellst fest: es dauert ewig, bis sie wieder da ist, wo sie hin gehört! Hängende Haut an den Stellen, wo es damals eine scharfe Kontur gab. Die Falten stören dich nicht, die gehören dazu. Schließlich hast du genug dafür getan, dass sie da sind: hast nächtelang die Bude gerockt, nicht gerade wenig getrunken, Drogen genommen und geraucht. Da sollst du noch frisch und jugendlich aussehen? Never! Mit den 10 kg, die du während der Wechseljahre zugenommen hast, weil deine Hormone nicht mehr richtig funktionieren, beginnst du dich langsam anzufreunden. Du denkst: andere sind dicker! Ha, selbst betrogen! Du bist einfach nicht in der Lage, ein Ding konsequent durch zu ziehen! Du schaffst das einfach nicht!

Resignation! Die Hosen in der Größe 36 liegen noch in deinem Umkleidezimmer. Du kannst dich einfach nicht trennen, hegst die Hoffnung, irgendwann wieder hinein zu passen. Vergiss es! Da passt du niemals mehr hinein, wirf sie einfach weg! Kannst du nicht, denn das käme einem Aufgeben gleich. Hast du Selbstmitleid? Nein, das ist etwas anderes ... ein bohrendes Gefühl ... eine Hand, die dich fest im Griff hat! Für Selbstmitleid hast du auch gar keine Zeit, denn du denkst an FRÜHER. Dieses Früher bestimmt deinen Tag. Du bist manchmal ganz schön melancholisch, möchtest weinen. Machst du aber nicht. Versuchst das alles weg zu lächeln. 

Ein Tag ist wie der andere Tag. Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Was gönnst du dir, damit es dir besser geht? Geh doch zu einer Kosmetikerin! Lass dir die Wangen aufspritzen! Mach Sport! Ja ... will ich doch! Kann ich aber nicht, bin unmotiviert! Vor allem: hilft das alles? Hilft es dir, dich besser zu fühlen? Ich glaube nicht, denn es verfälscht dich ... die Gedanken bleiben die gleichen. 

Eines bleibt dir noch: schau in den Spiegel! Ungeschminkt!


Du bist dankbar dafür, dass dein Handy so groß ist und du dir nicht direkt in die Augen schauen musst. Du versuchst ein Lächeln. Das Grinsen ist nicht locker. Es ist, wie es ist. Lange, nachdem du das Foto geschossen hast, sitzt du noch da ... vor dem Spiegel. Schaust dich an. Und dann denkst du darüber nach, dass du darüber eigentlich mal einen Blogbeitrag schreiben kannst und du fragst dich, wie es anderen Frauen damit eigentlich so geht. Wie empfinden andere ihr Älterwerden. 54 Jahre ist doch noch jung, denkst du dir ... es kann noch so vieles passieren, du hast noch alle Möglichkeiten! In deinen Gedanken spielt du dein restliches Leben durch, projektierst dich in Situationen, an Orte. Siehst dich aktiv, sportlich, strahlend, glücklich und so.

Dann schaust du wieder in den Spiegel. Und kannst dir das alles nicht vorstellen, denn das alles ist nicht Teil deines Lebens. Du bist, was du bist. Und manchmal bist du einfach traurig, weil traurig sein genau zu dem Tag passt. Lass es einfach zu. Nimm es als Chance, einen weiteren glücklichen Tag in deinem Leben zu erleben ohne dich zu verbiegen. Du bist die Summe aus dem Erlebten in deinem Leben und eigentlich findest du dich auch ganz gut so. Denn du hast mit den Jahren gelernt, lässiger zu werden. Du gibst nicht mehr so viel darauf, was andere über dich denken. Dann bist du halt eine verschrobene "Alte". Manchmal bist du sogar so etwas wie weise. Weil du so viel erlebt hast. Und manchmal fragt dich jemand, was er tun soll. Wie das so läuft mit dem Leben. Wie vermeintliche Fehler auch dazu führen können, eine andere Sicht auf die Welt zu bekommen. In kleinen Schritten, nicht mit großen Zielen vor Augen kannst du den Alltag meistern und ihm statt mit dem großen gefühlten Glück mit einer inneren Zufriedenheit begegnen. 

Denn im Grunde bist du in dir angekommen. Du bist 54 Jahre alt und denkst: das Beste kommt zum Schluss! 

Frau H.

Kommentare

  1. Ich glaube jede von uns, die nicht mehr in den Zwanzigern ist, hat solche Tiefpunkte schon mal durchlebt. Allerdings muss ich gestehen, dass ich mich jetzt deutlich besser fühle als mit Zwanzig oder Dreißig...sowohl körperlich als auch emotional. Ich bin über die Jahre und etliche Herausforderungen später einfach viel gelassener geworden :) Und für mich war schon immer der Charakter wichtiger als das Äußere! Bleib so wie Du bist und habe immer viel Freude an dem was Du tust,
    herzlichst
    Duni ♥

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  2. Die Gedanken kommen auch schon mit kurz vor 40 ;) aber zum Glück bestimmen sie nicht jeden Tag

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  3. Na das passt bei mir gerade sehr zum Thema. Am schlimmsten finde ich im Moment dieses "himmelhoch jauchzend - zu Tode betrübt". Fast noch schlimmer als in der Pubertät. Ich lerne gerade ganz neue Seiten an mir kennen und ich weiß (noch) nicht, ob ich die mag. Aber es hilft ja nix, die Reise in den neuen Lebensabschnitt hat begonnen. Es tröstet mich aber sehr, wenn ich dann lese, dass es anderen auch so geht.

    Vielen Dank für deine Gedanken zu diesem Thema und liebe Grüße aus dem Allgäu
    Melanie

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  4. Schön hast Du das geschrieben!!!! :-))))) Sehr, sehr schön!!!!
    Lieben Gruß
    Gisi

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  5. ich hab mit 45 die gleichen gedanken wie du. an manchen tagen sind sie bedrückend, an anderen geben sie mir einen tritt. es wäre wohl viel einfacher, wenn wir so offen darüber reden würden wie du es tust. denn das erleichtert nicht nur sondern bringt uns auch mit menschen in ähnlichen situationen zusammen...ganz nach dem motto: zusammen sind wir stark. Klingt blöd - aber auch irgendwie doch nicht.
    naja... du stehst nicht allein da mit deinen gedanken und mit dem älterwerden.
    danke für deine offenheit.
    liebe grüße
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  6. Das geht doch jedem von uns so, mal mehr mal weniger.... Sehr schön geschrieben :-)
    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
    Petra

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  7. So schön hast du geschrieben, liebe Edith! Das kommt mir alles so bekannt vor. Ich werde dieses Jahr 50 und irgendwie zieht man ja vor runden Geburtstagen immer so ein bisschen Bilanz. Das tat jetzt richtig gut, dich zu lesen. <3
    Ganz liebe Grüße
    Biggi

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  8. Ach, Edith, ich habe ähnliche Gedanken, ich bin 51 und es fällt mir wirklich schwer zu akzeptieren, dass ich älter werde. Ich will das gar nicht. Ich fühle mich auch gar nicht alt, weder körperlich noch geistig. Wenn mir dann einfällt, dass ich über 50 bin oder wenn ich in den Spiegel schaue, dann kann ich es manchmal nicht glauben, dass weit über die Hälfte meines Lebens vorbei ist. Scheiße, das ist traurig...ich hab da echt Probleme mit.
    Ich find das toll, dass du so offen damit umgehst...ich kann das überhaupt nicht...
    Ach menno!

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  9. Hallo Edith,

    Du hast das so schön geschrieben. Bei mir ist die 50 schon in Sicht und ich habe ein wenig Angst, dass sich dann so Vieles ändern könnte. Im Moment fühle ich mich noch gar nicht "so alt". Vielleicht habe ich eine gestörte Selbstwahrnehmung? Egal, wie auch immer, wenn es mir damit besser geht, behalte ich sie gerne.
    Sonnige Grüße
    Anke

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  10. Liebe Frau H.
    Schöne Worte hast du gefunden für diese eine, so weibliche, Gedankenspirale.
    Aber weißt du manchmal, manchmal ist es auch schön, dass man sich ganz bewußt aus diesem hektischen, schnellen, lauten Leben kann...und nicht mehr ÜBERALL mitmachen muss...finde ich (51)
    Wechseljahre ohne Medikamentenhilfe...ich auch...und manchmal ist eben Alles Sch...und dann wieder Alles toll...irgendwie wie in der Pubertät...

    Bald kommt der Frühling und die Tage werden länger, dann grünen wir *Schrullen* auch wieder durch, wirst sehen!

    Liebe Grüße
    Gabi

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  11. Danke!
    Mehr kann ich grad nicht beschreiben, nur Danke für deine offenen ungeschminkten Worte...

    Heike

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freue mich auf euren "Senf dazu"